Besuch in der Druckwerkstatt Bricage

Madame Berthe Bricage hat eigentlich wenig Zeit. Zuerst muss ein Apfelkuchen aus dem Ofen herausgenommen werden. Denn für den nächsten Tag steht Familienbesuch an, dann feiert sie ihren Geburtstag – 103 Jahre!
Der Kuchen ist etwas angebrannt, aber die anfängliche Verärgerung darüber verflüchtigt sich schneller als der süße Apfelduft, der durch das sehr alte dreistöckige Haus zieht. Dieses wird seit dem Tod ihres Mannes Pierre Bricage zwar von ihr allein bewohnt, aber einsam ist die hellwache Frau nicht. Denn es gibt viele Interessierte, die sich ihre inzwischen historische, aber immer noch funktionsfähige Bleisatz- und Hochdruckwerkstatt im Erdgeschoss ansehen möchten. Deshalb bin auch ich im August 2012 zu ihr nach Frankreich ins Anjou gefahren. Außerdem darf ich ihr einige Grafiken von mir zeigen, da sie nach wie vor neugierig auf Arbeiten jüngerer Kollegen und Künstler ist.
Ich bin sehr gespannt, was sie zu einem meiner Linolschnitte sagen wird, den ich ihr mitgebracht habe. Ihre Augen sind in den letzten Monaten schwächer geworden, sagt sie traurig, aber sie weiß sich zu helfen. Ohne Eile und mit Hilfe einer großen Lupe untersuchen ihre wachsamen Augen die schwarzen Flächen und Konturen. Sie ist zufrieden mit der Druckqualität. Das dargestellte Motiv, den „Père Lachaise“, kennt sie gut, denn sie hat selbst viele Jahre in Paris gelebt. In das Anjou, ein Departement im Loire-Tal, und in dieses Haus sind die Bricages erst Anfang der 1970er Jahre gezogen, wo sie sich eine Druckwerkstatt einrichteten.
Hier enstanden in über 35 Jahren unter ihren geschickten Händen außergewöhnlich kunstvolle bibliophile Bände. Die im Bleisatz gedruckten Texte französischer Klassiker sind umfangreich illustriert, vorwiegend mit Holzschnitten des französischen Grafikers Jean Chièze, mit dem das Ehepaar Bricage bis zu dessen Tod im Jahr 1975 eng befreundet war. Viele seiner detaillierten Grafiken sind in ihrer Werkstatt von Hand auf einer der Hebelpressen gedruckt worden. Eine Arbeit, die sehr viel Geduld und Fingerspitzengefühl verlangte, wie mir Madame Bricage gerne noch ausführlicher erläutert hätte. Sie blättert in den vergilbten Seiten eines von Albert Decaris reich bebilderten Buches mit Texten von Pierre Corneille, das sie im Nebenraum einem der hohen Holzschränke entnommen hat. Sie holt diese Raritäten nur noch sehr selten hervor. Aber sie weiß ja, dass ihre gedruckten Schätze dennoch nicht in Vergessenheit geraten werden – sämtliche Druckerzeugnisse, ebenso die Werkstatteinrichtung und ihre zahlreichen Gemälde, werden eines Tages einem Museum in Nantes übergeben und damit auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich sein.

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Mme Bricage deckt eine Druckform für den Bleisatz einer Affiche auf

 


Behände sucht und setzt sie die Lettern – einmal jährlich erhalten Freunde in aller Welt einen Druck

 


Noch immer voll funktionstüchtig: die VICTORIA-Druckmaschine aus Dresden ist schon jetzt einem Museum in Nantes versprochen

 


Im Salon über der Druckwerkstatt (im Gespräch mit der Übersetzerin), umgeben von zahlreichen Werken befreundeter Künstler

 

Unter der Lupe: Mme Bricage nimmt sich viel Zeit für einen Druck von J.W. aus der Reihe DAS ENDE

 


Neugierig und fachsimpelnd auch mit 103 Jahren

 

Vielen Dank an die Übersetzerin und enge Freundin von Madame Bricage, Cèline Grimault.



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