Das Neuruppin Frankreichs

Wer wissen und vor allem sehen will, wie faszinierend facettenreich sich insbesondere der Holzschnitt und die Lithografie und ihre Inhalte westlich des Rheins in den letzten Jahrhunderten (!) entwickelt haben, muss die Stadt Épinal und ihre Museen und Werkstätten besuchen – ich wollte und war an einem schon fast wärmend sonnigen Februartag noch rechtzeitig vor der Schließzeit bedeutenden obligaten Mittagspause da.

Das Musée de l’Image im ostfranzösischen Épinal bewahrt eine Sammlung von über 23.000 Bilderbogen und Holzschnitten auf, die hier in der Imagerie d’Épinal, einem 1796 von Jean-Charles Pellerin (1756–1836) gegründeten kunsthandwerklichen Unternehmen, gedruckt wurden und als eine Vorform des Comics und der illustrierten Berichterstattung zeitweise um die ganze Welt gingen.

Die Vogesenstadt Épinal ist damit auch so etwas wie das französische Neuruppin. In der brandenburgischen, 70 km nordwestlich von Berlin gelegenen Geburtsstadt Schinkels und Fontanes hatte etwa zeitgleich der Buchdrucker Johann Bernhard Kühn (1750–1826) mit der Herstellung von Bilderbogen aus Holzschnitten begonnen. Sein in Berlin im Holzschnitt, Kupfer- und Stahlstich ausgebildeter Sohn Gustav Kühn (1794–1868), der selbst zeichnete und Instinkt für den visuellen Zeitgeist und Massengeschmack besaß, trat 1819 in das väterliche Unternehmen ein, das er ab 1822 und in den folgenden fast 40 Jahren auch aufgrund des sehr frühen Einsatzes damals neuartiger Lithografiepressen zum produktivsten und auflagenstärksten europäischen Bilderbogenverlag machte. Einzelne Bilderbogen des Verlags sollen siebenstellige Auflagen erreicht haben; 40.000 Drucke eines Motivs waren keine Seltenheit. „Neu-Ruppin, zu haben bei Gustav Kühn“, wie es auf den Bilderbogen hieß, war damit vor allem in Deutschland aber auch weit darüber hinaus zu einem Inbegriff für Bilderbogen schlechthin geworden.

Also auf nach Épinal oder Neuruppin (das zahlreiche Bilderbogen ausstellende Museum Neuruppin wird aber gerade renoviert) – bon Image!

 
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